Was mich ein Bergpfad über Kontrolle gelehrt hat

Ich erinnere mich noch genau an einen Trail in den Rocky Mountains. Der Weg führte steil bergab, über loses Geröll und zwischen Felsen hindurch. Gerade breit genug für die Hufe meines Pferdes. Als ich nach unten schaute, fragte ich mich ernsthaft, ob ich diesen Hang überhaupt zu Fuß hinuntergehen würde. Gleichzeitig schoss mir ein Gedanke durch den Kopf, den ich bis heute nicht vergessen habe: Mein Pferd in Deutschland würde sich hier die Beine brechen.

Bergpfad

Der Bergpfad

Mein Herz schlug schneller, die Kehle wurde trocken und zum ersten Mal saß ich auf einem Pferd, ohne mich sicher zu fühlen. Bis zu diesem Moment hatte ich Reiten immer mit dem Gefühl verbunden, Einfluss nehmen zu können. Ich wusste, wie ich Hilfen gab, wie ich ein Pferd durch eine Lektion ritt oder eine schwierige Situation meisterte. Auf diesem Bergpfad fühlte sich plötzlich alles anders an.

Instinktiv tat ich das, was ich in solchen Momenten immer getan hatte. Ich nahm die Zügel kürzer, setzte mich tiefer in den Sattel und versuchte, jede Bewegung meines Pferdes zu kontrollieren. Als es einen Moment später auf dem lockeren Untergrund leicht stolperte, wurde ich beinahe aus dem Sattel gerissen.

Der Moment, in dem wir stehen blieben

Rückblickend war nicht das Gelände meine Herausforderung. Es war meine Reaktion darauf.

Mein erster Impuls, fester zu werden, in den Händen, im Körper und in dem Wunsch, jede Bewegung meines Pferdes beeinflussen zu können. Je mehr ich versuchte, die Situation in den Griff zu bekommen, desto weniger fühlte es sich nach einem gemeinsamen Weg an.

Erst als wir stehen blieben, veränderte sich etwas.

Ich gab mir ein paar ruhige Atemzüge Zeit, hob den Blick und richtete meine Aufmerksamkeit auf das Pferd unter mir. Es stand ruhig da, aufmerksam und gelassen, während in meinem Kopf noch alle möglichen Gedanken durcheinander liefen. Ich spürte zum ersten Mal bewusst das Pferd unter mir. Seine Ruhe und Aufmerksamkeit. Die Selbstverständlichkeit, mit der es diese Landschaft las. 

Mit jedem Atemzug wurde auch ich ruhiger. Ich ließ die Zügel etwas länger, behielt den Kontakt und wir ritten weiter. Der Weg war derselbe geblieben, doch wir gingen ihn anders.

Damals hätte ich diesen Moment kaum beschreiben können. Heute weiß ich, dass genau dort die Zusammenarbeit begann. Ich musste meinem Pferd nicht jede Entscheidung abnehmen. Meine Aufgabe war es, aufmerksam zu bleiben, ihm zuzuhören und ihm zuzutrauen, seinen Teil ebenso gut zu beherrschen wie ich den meinen.

Seit diesem Tag halte ich vor schwierigen Trail Abschnitten ganz bewusst inne. Ich nehme mir die Zeit, mich sicher zu fühlen, spüre in mich hinein und nehme das Pferd wahr. Erst wenn wir beide bereit sind, geht es weiter.

Bergpfad

Was mein Körper längst wusste

Wenn ich heute an diesen Trail zurückdenke, erinnere ich mich vor allem daran, wie sich mein Körper angefühlt hat. Das Herz schlug bis zum Hals, meine Hände umklammerten die Zügel fester als nötig und jeder Muskel wollte verhindern, dass etwas Unvorhergesehenes geschah.

Damals war ich überzeugt, meinem Pferd helfen zu müssen. Heute weiß ich, dass ich vor allem versuchte, meine eigene Unsicherheit in den Griff zu bekommen. Je fester ich wurde, desto weniger Raum blieb für das Vertrauen, das zwischen uns längst da war.

Erst als wir stehen blieben, hörte ich auf, gegen dieses Gefühl anzukämpfen. Ich nahm wahr, was in mir vorging, atmete durch und ließ zu, dass die Unsicherheit einfach da sein durfte. Sie verschwand dadurch nicht sofort. Aber sie bestimmte auch nicht länger jeden meiner Gedanken.

Seitdem höre ich genauer hin, wenn mein Körper mir etwas erzählt. Anspannung bedeutet für mich nicht, möglichst schnell weiterzugehen. Sie lädt mich ein, einen Moment innezuhalten, mich zu sortieren und erst dann den nächsten Schritt zu machen. Sicherheit begann für mich dort, wo ich meine Unsicherheit wahrnahm und trotzdem Schritt für Schritt weiterging.

Perfektion war plötzlich unwichtig

Wenn ich heute daran denke, hat dieser Bergpfad mir noch etwas anderes gezeigt.

Viele Jahre lang war ich im Dressursport zu Hause. Präzision spielte dort eine große Rolle. Eine korrekte Haltung, feine Hilfen und ein harmonisches Gesamtbild gehörten für mich selbstverständlich dazu. Diese Zeit hat mich geprägt und ich bin dankbar für alles, was ich dort lernen durfte.

Auf diesem Bergpfad galten plötzlich andere Maßstäbe. Niemand fragte, wie elegant wir den Hang hinunter ritten. Niemand vergab Punkte für einen ausbalancierten Sitz. Entscheidend war allein, dass wir aufmerksam blieben und gemeinsam sicher unten ankamen.

Zum ersten Mal wurde mir bewusst, wie viel Energie ich bis dahin darauf verwendet hatte, alles richtig machen zu wollen. Auf dem Trail spielte das keine Rolle. 

Dieser Gedanke begleitet mich bis heute. Ich frage mich seltener, wie etwas von außen wirkt. Viel wichtiger ist für mich geworden, ob es sich stimmig anfühlt. Seit diesem Bergpfad nehme ich mir vor schwierigen Situationen bewusst die Zeit, mich sicher zu fühlen. Erst dann gehe ich weiter.

Was dieser Bergpfad meinen Geschichten geschenkt hat

Wenn ich heute an meine Figuren denke, begegnet mir dieser Bergpfad immer wieder. Nicht als konkrete Szene, sondern als Haltung.

Viele meiner Figuren übernehmen Verantwortung, tragen vieles mit sich allein aus und glauben, sie müssten jede Situation aus eigener Kraft bewältigen. Ihr Weg verändert sich erst, als sie beginnen, Vertrauen zuzulassen. Nicht, weil dadurch alle Schwierigkeiten verschwinden, sondern weil sie entdecken, dass Stärke und Verletzlichkeit nebeneinander bestehen dürfen.

Auch die Pferde gehören deshalb selbstverständlich zu meinen Geschichten. Sie sind Teil des Ranch Alltags, Arbeitspartner und Begleiter. Sie schaffen Momente, in denen Menschen zur Ruhe kommen, ihre Gedanken sortieren oder sich selbst ehrlicher begegnen. Nicht, weil Pferde Antworten geben, sondern weil sie Raum dafür schaffen.

Wenn Ellie, Lucan oder andere Figuren meiner Geschichten mit Pferden unterwegs sind, geht es deshalb selten nur ums Reiten. Es geht um das, was zwischen zwei Lebewesen entsteht, wenn Vertrauen wachsen darf.

Dieser Bergpfad hat mir genau das geschenkt. Die schönsten Geschichten entstehen für mich dort, wo Menschen lernen, sich aufeinander einzulassen.

Bergpfad

Was bleibt

Wenn ich heute an diesen Bergpfad zurückdenke, erinnere ich mich längst nicht mehr als Erstes an das Geröll, den steilen Abhang oder mein Herzklopfen. Ich erinnere mich an den Moment, in dem aus Anspannung wieder Vertrauen wurde. An das ruhige Atmen, an den Blick nach vorn und an das Gefühl, gemeinsam unterwegs zu sein.

Der Bergpfad in den Rocky Mountains liegt viele Jahre zurück. Und doch begleitet er mich bis heute. Immer dann, wenn ich vor einem neuen Weg stehe, erinnere ich mich an diesen Moment des Innehaltens. Daran, dass ich mir Zeit nehmen darf, bevor ich weitergehe. Und daran, dass die besten Wege für mich nie daraus entstanden sind, alles perfekt machen zu wollen, sondern aufmerksam zu bleiben. Für mich selbst und für das, was gerade wirklich zählt.

Dieser Text ist Teil einer losen Reihe über Tiere, Nähe und das, was zwischen Lebewesen spürbar wird, lange bevor Worte dafür gefunden werden.

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