Meine Begeisterung für Pferde begann lange vor Kanada. Mit meiner Mutter, die selbst ein Pferdemädchen gewesen war und diese Liebe wieder aufleben ließ, als ich ungefähr zehn Jahre alt war. Von da an begleiteten mich Pferde durch mein Leben. Durch die Schulzeit, durch mein Studium, durch viele unterschiedliche Reitställe, Trainer und Turniere. Ich ritt Dressur, lernte Abläufe, Präzision, Kontrolle und das feine Zusammenspiel von Hilfen und Reaktion.
Und trotzdem hatte ich damals noch keine wirkliche Vorstellung davon, wie sich Vertrauen mit einem Pferd anfühlen kann.
Das verstand ich erst in Kanada.
In den Rocky Mountains, auf schmalen Bergpfaden, viele Höhenmeter über dem Tal, mit einem Pferd unter mir, das den Weg besser kannte als ich. Dort wurde Reiten etwas völlig anderes. Kein Arbeiten an Lektionen, kein kontrollierter Rahmen, kein Reitplatz mit Begrenzung. Stattdessen Wildnis, Wetter, Flüsse, Geröll, steile Anstiege und Pferde, die sich mit einer Selbstverständlichkeit durch diese Landschaft bewegten, die mich tief beeindruckte.
Ja, ich bin in Deutschland auch ausgiebig ausgeritten, aber das war kein Vergleich zu dem, was ich in den Rocky Mountains erleben durfte.
Ich erinnere mich noch gut an dieses Gefühl, mich auf die Trittsicherheit meines Pferdes verlassen zu müssen. Auf schmalen Wegen, auf denen ich nicht jede Bewegung kontrollieren konnte und auch nicht sollte. Ich höre heute noch die Worte eines Cowboys: “Zügel lang, vertrau dem Pferd.”
Diese Pferde bewegten sich nicht wie Sportpartner durch eine Aufgabe. Sie waren neugierig, aufmerksam, voller Lust, neue Trails zu entdecken, durch Flüsse zu waten, über umgestürzte Bäume zu steigen und sich am Abend zufrieden über ihr Heu in einer kleinen Einzäunung herzumachen.
Zum ersten Mal hatte ich das Gefühl, nicht einfach auf einem Pferd zu sitzen, sondern wirklich mit ihm unterwegs zu sein. Und ich wusste damals schon: Ich wollte nie wieder anders mit diesen faszinierenden Tieren zusammen sein.
Vertrauen entsteht dort, wo Kontrolle nicht mehr alles ist
Die Tatsache, dass Vertrauen zu deinem Pferd in der Wildnis keine Theorie, sondern sehr konkret wurde, hat mein Reiten verändert.
Auf einem schmalen Bergpfad konnte ich nicht jede Bewegung vorgeben. Ich musste mich darauf verlassen, dass das Pferd unter mir wusste, wohin es seine Hufe setzte. Dass es den Untergrund einschätzen konnte, die Tiefe eines Flusses, die Beschaffenheit eines Hanges, lange bevor ich überhaupt verstand, worauf wir uns gerade zu bewegten.
Und erstaunlicherweise fühlte sich das nicht nach Kontrollverlust an. Eher nach Zusammenarbeit.
Ich glaube, das war der Moment, in dem ich verstand, dass Vertrauen mit Pferden nicht daraus entsteht, alles im Griff zu haben. Sondern daraus, präsent zu sein und mit einer ruhigen Aufmerksamkeit im Sattel zu sitzen.
Ein Pferd fragt nicht danach, wie erfahren jemand wirkt oder wie überzeugend etwas erklärt wird. Es reagiert auf das, was tatsächlich da ist.
Vielleicht berührt mich das bis heute so sehr, weil es etwas unglaublich Ehrliches hat. Pferde reagieren auf Spannung genauso wie auf Ruhe. Auf Unsicherheit genauso wie auf innere Klarheit.
Und genau deshalb fühlt sich Vertrauen mit ihnen oft so besonders an. Weil es langsam wächst, über Wiederholung und gemeinsame Wege. Und über kleine Momente, in denen beide merken: Ich kann mich auf dich verlassen.
Für mich war das etwas sehr Erdendes. Gerade in einer Welt, in der Menschen oft viel erklären, analysieren und überspielen, fühlt sich diese stille, direkte Art der Kommunikation klar an.
Warum Vertrauen mit Pferden so still entsteht
Vertrauen mit Pferden entsteht selten in großen Momenten. Es wächst leiser.
In den Rocky Mountains waren es oft die kleinen Dinge, die mir dieses Gefühl gegeben haben. Ein Pferd, das am Morgen ruhig den Kopf hebt, wenn du mit dem Halfter kommst. Das Warten am Flussufer, bis alle nachkommen. Dieses Vorwärtsgehen über Stunden hinweg, Schritt für Schritt, ohne Eile und ohne ständiges Hinterfragen.
Mit der Zeit entsteht daraus etwas, das sich schwer erklären lässt. Eine Aufmerksamkeit füreinander. Ein Mitdenken. Man beginnt, die Reaktionen des Pferdes feiner wahrzunehmen. Wann es aufmerksam wird, wann entspannt, kurz innehält oder den Weg prüft. Und gleichzeitig merkt man, wie sehr das eigene Verhalten mitschwingt. Wie viel Ruhe oder Unruhe man selbst mitbringt, ohne es bewusst zeigen zu wollen.
Diese Verbindung entsteht nicht über Worte, sondern über das gemeinsame Erleben und gegenseitige Verlässlichkeit. Ein Pferd reagiert auf das Gefühl von Sicherheit, das jemand ausstrahlt, oder eben nicht. Und manchmal auch auf Unsicherheit, die ehrlich bleibt, statt überspielt zu werden. Das ist kein Makel. Es ist einfach der Weg, auf dem Vertrauen wächst.
Vertrauen bedeutet nicht, keine Angst zu haben
Gerade in der Wildnis gab es Momente, in denen ich Respekt hatte. Vor einem schmalen Weg, einem steilen Abhang, einem Fluss, dessen Strömung stärker war, als sie vom Ufer aus gewirkt hatte. Und natürlich spürt ein Pferd solche Momente. Nicht als Schwäche, eher als Veränderung. Der Atem wird flacher, der Körper angespannter. Und genau dort beginnt etwas, das mich bis heute fasziniert: Ein Pferd reagiert nicht darauf, ob jemand perfekt ist. Es reagiert darauf, ob jemand ehrlich präsent bleibt.
Darin liegt für mich etwas sehr Menschliches. Diese stillen Augenblicke, in denen Vertrauen nicht bedeutet, alles kontrollieren zu können, sondern gemeinsam weiterzugehen, obwohl nicht jeder Schritt vorhersehbar ist.
Vielleicht berühren mich Pferde deshalb bis heute so sehr. Weil sie einen immer wieder daran erinnern, dass Vertrauen nichts Lautes ist. Nichts, das man behauptet, sondern etwas, das sich langsam zeigt. Im Verhalten, in kleinen Entscheidungen, in der Art, wie zwei Lebewesen miteinander unterwegs sind.
Warum Pferde in meinen Geschichten dazugehören
Und das ist auch der Grund, warum Pferde aus meinen Geschichten nicht wegzudenken sind. Nicht als schmückendes Detail oder romantische Kulisse, sondern als Teil dieser Welt und der Menschen, die in ihr leben.
In meinen Ranch-Settings gehören Pferde zum Alltag. Sie sind Arbeitspartner, Begleiter und Rückzugsort. Sie tragen Menschen durch die Berge, über schmale Trails, durch Wetter, Stille und lange Tage. Gerade in der Wildnis werden sie zu etwas sehr Konkretem: dem einzigen Weg vorwärts. Und genau dadurch entsteht ein anderes Miteinander. Eines, das auf Aufmerksamkeit und Vertrauen basiert und nicht darauf, alles kontrollieren zu können.
In meinen Roman-Reihen wollte ich genau das zeigen. Pferde, die Ehrlichkeit fordern. Mut brauchen und manchmal auch Mut schenken. Tiere, deren Vertrauen sich nicht kaufen lässt und die sehr genau wahrnehmen, wie jemand ihnen begegnet. Ob auf der Willow Ranch, dem Gnadenhof der Sleeping Lake Ranch oder im Ranchalltag rund um Crowsnest Crossing, die alten Pferde, die Arbeitstiere, die Begleiter auf langen Trails: Sie alle tragen etwas in sich, das die Figuren an Dinge erinnert, die sie selbst noch nicht aussprechen können.
Und gleichzeitig sind Pferde in meinen Geschichten nie nur Symbol. Sie sind Tiere mit Bedürfnissen, Eigenheiten, Tagesformen und Charakter. Manchmal sind sie anstrengend. Manchmal ungeduldig. Manchmal einfach nur müde nach einem langen Tag. Genau das ist mir wichtig. Ohne Pferde wären diese Geschichten nicht die, die sie sind.
Abschließende Gedanken
Vertrauen mit Pferden zeigt sich auf gemeinsamen Wegen. In leiser Aufmerksamkeit. In der Ruhe, die zwischen Mensch und Tier entstehen kann, wenn keiner versucht, etwas darzustellen. Vielleicht ist genau das der Grund, warum Pferde für mich weit mehr sind als Teil einer Landschaft oder eines Settings. Sie bringen etwas in Geschichten, das sich schwer künstlich erzeugen lässt: Echtheit.
Sie machen sichtbar, wie Menschen mit Nähe umgehen, zeigen Unsicherheiten, erfordern Vertrauen und Verantwortung.
Die Szenen mit Pferden bleiben mir oft so lange im Herzen wegen dieser stillen Momente, in denen plötzlich etwas spürbar wird, das vorher keinen Namen hatte.
Und vielleicht ist genau das das Schönste an ihnen. Dass sie nichts erklären müssen, damit man sie versteht.
Dieser Text ist Teil einer losen Reihe über Tiere, Nähe und das, was zwischen Lebewesen spürbar wird, lange bevor Worte dafür gefunden werden.